Zurück nach Kumamoto: eine persönliche Rückblende

15.08.2018

Tag 14 - 29.07.2018

von Kerim Mallée

Ich sitze schon im Flieger zurück nach Österreich, während ich diesen Blogeintrag schreibe. Oder besser gesagt, versuche ihn anzufangen. Aber ich finde nicht die richtigen Worte. Obwohl an unserem letzten Tag in Aso (29.07.), gar nicht viel passiert ist. Einen Tag zuvor hatten wir erfahren, ein Taifun würde sich nähern. Nervös gingen wir schlafen, beim Gedanken, am nächsten Tag noch ein gutes Stück mit dem Fahrrad von Teno nach Miyaji fahren zu müssen. Ich tendierte schon immer zu Müdigkeit, bei Wetterschwankungen, die mit einem starken Luftdruckwechsel einhergingen. Wenn man viel zu tun hat, stellt das kein großes Problem dar.

Aber sobald die ersten Minuten kommen, in denen man nicht auf eine eindeutige Art gefordert ist, höre ich auf zu funktionieren. Nach dem ziemlich hektischen Morgen, sitze ich plötzlich in der Bahnhofshalle von Miyaji und muss irgendwie die 1,5 Stunden totschlagen, bis der Bus kommt. Diese Situation stellt nicht nur einen heftigen Kontrast zum bisherigen Tagesablauf, sondern zu den bisherigen zwei Wochen dar. Meine Gedanken kreisen über die Exkursion. Ich versuche mir einen Gesamtüberblick zu verschaffen, die Zeit emotional einzuordnen. Die anderen und mich selbst von außen zu betrachten. Aber es ist alles noch zu nah und fühlt sich auch nicht an, als wäre es schon vorbei. Im Bus merkt man, wie fordernd diese zwei Wochen waren. Nicht jeder kann sich bis Kumamoto wachhalten. Ich schreibe den Satz zu Ende und verstaue mein Tablet im Rucksack, während wir schon im Landeanflug auf Seoul sind.

Es sind nochmal ein paar Tage vergangen und ich bin wieder in Österreich und jetzt fällt es mir leichter, in Worte zu fassen, was ich am Sonntag den 29.07.2018 und auch während meinem Rückflug noch nicht auszudrücken wusste. Das letzte Semester war für mich eines der stressigsten in meinem ganzen Studium und ich hatte etwas Angst, mich sozial abzukapseln und zu sehr zurückzuziehen. Ich konnte nicht mehr eindeutig sagen, ob ich diese ganze Zeit wirklich für mich alleine brauchte, oder ob ich einfach fehlerhafte Routinen entwickelt hatte, bei denen meine Freundschaften zu kurz kamen. Ein Gefühl, dass sicher jeder Studierende auf die ein oder andere Art und Weise kennen gelernt hat. Nach zwei Wochen mit über zehn Personen auf engstem Raum, die ich bis dahin unterschiedlich gut kannte, kann ich sagen, dass ich sozial immer noch funktioniere. Das letzte Semester hat dem keinen Abbruch getan. Lässt mich nun aber erkennen, welches Gefühl das vorherrschende nach dieser intensiven Exkursion ist. Dankbarkeit. Für vieles. Die Erfahrung. Die Chancen. Die Herausforderungen. Die Geduld. Aber letzten Endes für das Team. Als wir mit dem Bus in Kumamoto ankamen und erneut das Seinen Kaikan bezogen, besprachen wir zunächst die Gruppenpräsentation unserer zwei Wochen im Feld, für den abschließenden Workshop. Danach verewigten wir uns mit Worten, von witzig bis tiefsinnig, auf einer einzurahmenden Karte, wie es die meisten auch von Gipsverbänden und Gästebüchern kennen. Spontan habe ich damals geschrieben, weil mir nichts anderes einfiel: “Ein gutes Team kompensiert schlechten Schlaf.”

Und es ist wahr. Noch nie habe ich in zwei Wochen, so wenig geschlafen. Es gab einfach zu viel zu tun. Die Müdigkeit braute sich wie der Taifun am letzten Tag in meinem Kopf zusammen. Und dennoch haben wir alle bis zuletzt funktioniert. Noch wichtiger: Wir haben die Stärken und Schwächen des anderen kennengelernt, ohne uns gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Stattdessen verabschieden wir uns gegenseitig mit einem mulmigen Gefühl in die restlichen Semesterferien. Die wiedergewonnene Freiheit hat einen bittersüßen Nachgeschmack.

Die Rückkehr nach Kumamoto - erschöpft reflektieren die Studenten über die vergangenen zwei Wochen.
Während auf den Bus nach Kumamoto gewartet wird, bestaunen die Studenten einen Schnaps mit eingelegter, japanischer Hornisse.
Die Rückkehr in das inzwischen vertraute Seinen Kaikan in Kumamoto.