Weiße Auberginen und kalter Tee

08.08.2018

Tag 9 - 24.07.2018

von Julia Ramprecht

In den frühen Morgenstunden verabredeten wir uns zu einer allgemeinen Besprechung, bei der wir mit unserem ersten konkreten Arbeitsauftrag vertraut gemacht wurden. Das Dorf Nishiteno kann in neun Kumi (組み) unterteilt werden, die sowohl geografische als auch gesellschaftlich organisierte Bereiche innerhalb des Dorfes darstellen. In Kleingruppen machten wir uns zu den jeweiligen Kumi auf, um Informationen zu sammeln. So wurden wir zum Beispiel beauftragt, die Hausnummern (番地 banchi) der jeweiligen Gebäude und die Namen der darin lebenden Haushalte ausfindig zu machen - eine Aufgabenstellung, die schwieriger als gedacht ausfiel, denn in Japan sind die Hausnummern sowie Namen nicht selbstverständlich an der Hauswand zu finden. Mit einer ordentlichen Portion Mut und Neugierde konnten wir durch verschiedene Herangehensweisen jedoch einen Großteil der benötigten Informationen herausfinden. Es war aber vor allem die zufällige Begegnung mit einer Frau, welche die größte Hilfestellung darstellte – ich nenne sie Frau Aubergine.

Neben dem Aufspüren von Hinweisen, die sich in der Nähe der Häuser befanden, um die Hausnummern herauszufinden, suchten wir insbesondere das Gespräch mit den Bewohnern. Dass in der prallen Mittagssonne jedoch kaum jemand anzutreffen war, ließ es erst recht wie einen sonderbaren Zufall erscheinen, dass genau auf unserer Route der Postmann unterwegs und selbst in Begriff war, die Menschen aus ihren klimatisierten Zimmern zu locken. Wir hängten uns an seine Fersen und beobachteten, wie auch er vergebens an den Haustüren klopfte – bis er schließlich vor Frau Aubergines Türschwelle stand. Nachdem er die Post überreicht und sich wieder seinem Auto zugewandt hatte, und Frau Aubergine wieder die Türe schließen wollte, riefen wir von der Straße aus mit lauter Stimme ein entschuldigendes „すみませーん“ (Sumimasen). Sie schenkte uns sofort ihre ganze Aufmerksamkeit und mit einer einladenden Geste wurden wir auf ihr Grundstück hinauf gebeten. Nachdem wir zunächst verlegen erklärten, dass wir von der Universität Wien kommen und in dem Dorf forschten, erkundigten wir uns nach ihrer Hausnummer.

Aus dieser kurzen Frage wurde ein einstündiges Gespräch, dass nach wenigen Minuten in das Wohnzimmer von Frau Aubergine verlegt worden ist. Wir lernten dort ihre Schwiegereltern kennen, die bereits über 90 Jahre alt waren und einiges zu erzählen hatten – leider waren meine Japanischkenntnisse ihrem Dialekt nicht gewachsen, so dass nach kurzer Zeit Frau Aubergine das Gespräch in die Hand nahm. Bei selbstgemachtem Kakigōri (かき氷), also gehobeltem Eis mit Syrup, und kaltem Tee führten wir ein langes Gespräch, bei dem ich den Versuch anstellte, ein erstes Interview zu führen, während mein Kollege fleißig alles in sein Notizheft aufzeichnete. Im Laufe des Gespräches konnten wir herausfinden, dass ihre Familie den von uns ausgeteilten Fragebogen ausgefüllt hatte und das Forschungsprojekt rege mitverfolgt. Neben spannenden Geschichten zu ihrem Haus und ihrer Familie, gab sie uns auch Auskunft über die dortige Kumi und deren Haushalte – Dank ihrer Kenntnis und Mitarbeit konnten wir also unzählige Lücken füllen.

Gegen Ende des Gespräches kamen wir auf ihren Garten zu sprechen, und sie erzählte uns von den sogenannten „weißen Auberginen“ (白ナス), die besonders lecker sein sollen. Große, staunende Augen zeugten von unserer Unkenntnis, weshalb sie uns sogleich aufgeregt zu ihrem Feld brachte. Mit Blick auf Nishiteno betraten wir die weiche Erde, schlängelten diverse Stauden entlang, bis wir schließlich den schattigen Platz der weißen Auberginen erreichten. Sie nahm eine Schere und überreichte uns drei Stück. Mit unzähligen Verbeugungen, Phrasen des Dankes und der Entschuldigung verabschiedeten wir uns von ihr. Beim Tsukasa, dem Treffpunkt unserer Besprechungen angekommen, tauschten wir uns mit unseren Kollegen über unsere Funde aus und versuchten unter anderem anhand von Telefonbüchern die fehlenden Hausnummern ausfindig zu machen.

Wir sollten Frau Aubergine später, beim Onda-Matsuri in Nishiteno, noch einmal begegnen – sie kam auf mich zugelaufen und erkundigte sich nach unseren Namen; denn vor lauter Aufregung hatten wir damals etwas Wichtiges vergessen: uns selbst vorzustellen. Wie ein Mantra wiederholte sie diese, bis sie in ihrem Gedächtnis gut verstaut waren. Wir verabschiedeten uns mit einem warmen Lächeln - diesmal waren wir keine Fremden mehr.

von Florian Ramberger

Nach getaner Arbeit zogen wir uns zu unseren Familien zurück. Es gab ein reichhaltiges Abendessen, Curry (カレー) in unserem Fall. Gestärkt sprachen wir noch ein bisschen mit unserem Gastvater, über Airlines, Tourismus und gingen schließlich auch zu philosophischen Themen über. Danach ging es zu Gesangsübungen (歌の練習) in Nishiteno. Im Gegensatz zu Ogomori war die Gemeindehalle (公民館) merklich größer, ebenso die Teilnehmerzahl. Hier merkte man sofort, dass der Trupp bestens eingesungen war und die Harmonien einwandfrei aus den Kehlen klangen. Nach gut absolviertem Training wurden die Männer, reich an Speis und Trank versorgt, in den Feierabend entlassen. Die Dorfgemeinschaft nahm uns freundlich auf und mit anregenden Gesprächen konnten wir unseren Tag ausklingen lass

Der fleißige Trupp vor dem Tsukasa.
Bei der Hitze trafen wir überwiegend auf schmelzende Katzen.
Ein Feld von Frau Aubergine.
Weiße Auberginen.
Nicht nur weiße, auch normale Auberginen und außergewöhnlich aussehende Gurken wurden uns überreicht.
Das großzügige Geschenk von Frau Aubergine.