Aso 2.0: Regionales Wohlbefinden in Japan

Die Aso-Region auf der Insel Kyūshū – ein alter und neuer Untersuchungsraum der Wiener Japanologie

Das Aso-Projekt der Wiener Japanologie bildete das erste große Forschungsprojekt am erst 1965 neugegründeten Institut für Japanologie an der Universität Wien. Das methodisch primär ethnografisch konzipierte Gemeinschaftsprojekt der Institutsmitglieder Alexander Slawik, Josef Kreiner, Erich Pauer, Sepp Linhart, u.a. mit Feldaufenthalten in den Jahren 1968 und 1969, sollte einen Beitrag zur Erfassung der ländlichen Kultur und Gesellschaft Japans in ihrer regionalen Verschiedenheit leisten. Hinter dem Ziel, das in sich geschlossene Aso-Vulkanbecken im Süden des Landes für eine integrative Untersuchung der Geschichte, materiellen Kultur, Religion, Soziologie, Botanik und Bodenkultur interdisziplinär zu erforschen, stand einerseits eine kritische Sicht auf die Ergebnisse westlicher JapanexpertInnen, die, sei es in Form klassisch ethnographischer Studien zu einzelnen Dörfern (community studies) oder von Untersuchungen, die Japan als Ganzes behandelten, den Eindruck einer starken Homogenität japanischer Kultur und Gesellschaft vermittelt hatten. Andererseits hielt man auch den Regionalforschungen japanischer wissenschaftlicher Vereinigungen, die in Teilen durchaus als Vorbild dienten, vor, ihrem interdisziplinären Anspruch nicht hinreichend gerecht geworden zu sein. 

Das fünfzigjährige Gründungsjubiläum diente dem dem Abteilungsleiter der Japanologie, Wolfram Manzenreiter, als Anstoß, reflektierend auf die Geschichte der Wiener Japanologie einen neuen Forschungsschwerpunkt zu initiieren. Wie vor fünfzig Jahren sollte ein solcher sich wiederum mit Aspekten der Regionalität abseits der japanischen Metropolen auseinandersetzen und die methodologischen Vorteile von Gemeinschaftsforschung und Interdisziplinarität ausschöpfen. Als einen ersten Zwischenschritt zur Vorbereitung des Institutsprojekts „Aso 2.0“ organisierten Wolfram Manzenreiter und Johannes Wilhelm einen Workshop, der am 10. und 11. April 2015 unter dem Titel „Wiener Japanforschung vor 50 Jahren: das Aso-Projekt“ in Wien stattfand. Neben Beiträgen, die sich mit dem wissenschaftlichen Kontext beschäftigten, in den das damalige Projekt eingebettet war, sowie einer von Johannes Wilhelm und seinen Studierenden kuratierten Ausstellung von Originalmaterialien, die verschiedene Aspekte des Feldaufenthaltes dokumentierten, standen vor allem die Erfahrungsberichte von Erich Pauer, Sepp Linhart und Josef Kreiner im Vordergrund. Hieraus konnte ein guter Eindruck davon gewonnen werden, was es hieß, vor 50 Jahren feldforschungsbasierte Japanologie zu betreiben.

Die Tatsache, dass sich JapanologInnen überhaupt zu Feldforschungszwecken nach Japan begaben – heute eine Selbstverständlichkeit –, stellte seinerzeit ein geradezu revolutionäres Vorhaben dar. Zwar hatten kulturanthropologisch ausgerichtete JapanforscherInnen insbesondere aus den USA schon seit den 1930er Jahren und dann vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche Untersuchungen in Japan selbst durchgeführt. Doch die in den 1960er Jahren noch ausschließlich (alt-)philologisch orientierte Japanologie des deutschen Sprachraums nahm die Konferenzberichte ihrer Wiener Kollegen mit großem Erstaunen, teils auch mit Unverständnis, auf. Auch die interdisziplinäre Anlage des Projektes war eine wesentliche Neuerung. Wenngleich unter anderem wegen mangelnder personeller Kontinuität am Institut, fehlender finanzieller Mittel und der sich noch während der Projektphase verschärfenden Datenschutzgesetzgebung in Japan letztlich nur wenige der einzelnen Untersuchungen abgeschlossen und publiziert werden konnten, war das Projekt somit wegweisend für die Weiterentwicklung der deutschsprachigen Japanologie: Die Etablierung einer modernen kultur- und sozialwissenschaftlichen Japanologie neben der bestehenden philologischen Ausrichtung nahm hier ihren Anfang. Ebenso wurde es allmählich üblich, als Japanologe oder Japanologin, gleich welcher Provenienz, auch in Japan selbst Forschung zu betreiben.

In vielerlei Hinsicht waren solche Forschungen vor fünfzig Jahren ein weitaus mühsameres Geschäft als heute, weshalb die Wiener Zeitung im Juli 1968 nicht ganz unberechtigt von einer „Großexpedition“ österreichischer Wissenschaftler unter der Leitung von Prof. Dr. Slawik vom Institut für Japanologie der Universität Wien berichtete. Nicht nur benötigte die Gruppe eine Reisezeit von rund sechs Tagen um einigermaßen kostengünstig nach Japan zu kommen. Es gab auch noch keine Digitalphotographie, weshalb eine Spende von 100 Farb- und ebenso vielen Schwarz-Weiß-Filmen von Fuji-Film akquiriert wurde, die dann ständig mitsamt dem schweren Photoequipment mitgeführt wurden. Vor allem gab es aber noch kein Internet, über das man sich schon von Wien aus genauer über die Situation im Untersuchungsgebiet hätte informieren können, um den Feldaufenthalt gezielter zu planen oder bereits erste Daten oder sonstige Forschungsmaterialien zu gewinnen. So ließ sich erst nach der Ankunft in Japan herausfinden, welche administrative Einrichtung überhaupt nützliche Materialien bereithielt oder einem anderweitig weiterhelfen konnte. Ferner erwiesen sich bestimmte Dörfer, die für eine nähere Untersuchung vorgesehen waren, bei näherem Augenschein als ungeeignet, oder man entdeckte, dass bestimmte Fragestellungen nicht zu bearbeiten waren – entweder weil man keine Informationen erhielt oder es im Gegenteil zu viele Materialien gab, die man mangels Computer oder Kopierer (von Scannern gar nicht zu sprechen) in der kurzen Zeit des Feldaufenthaltes nicht aufnehmen und verarbeiten konnte.

Wenngleich das Aso-Projekt auch die aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen in der Region im Blick hatte, besaß es im Kern doch eine stark historisch-ethnologische Ausrichtung. So bildete die Dokumentation ausrangierter landwirtschaftlicher Gerätschaften (von denen viele heute im Wiener Weltmuseum eingelagert sind) einen wichtigen Schwerpunkt; ein anderer betraf die Analyse hergebrachter Dorfgesellschaftsstrukturen. Die relative Abgelegenheit der Untersuchungsregion begünstigte solche Vorhaben; zugleich war sie ein Hemmnis für die Erforschung Japans als damals aufstrebender Wirtschaftsmacht.

Heute hingegen ist Japan von demographischer Schrumpfung betroffen, die auch in gesellschaftlicher und ökonomischer Hinsicht zahlreiche Probleme aufwirft, und nirgendwo tritt dieser Prozess deutlicher hervor als im ländlichen Raum Japans. Die Abteilung für Japanologie des Institutes für Ostasienwissenschaften der Universität Wien hat sich daher entschlossen, fünfzig Jahre nach dem ersten Aso-Projekt den Raum erneut zu untersuchen, diesmal als Beispielregion für die vielfältigen Probleme, aber auch Chancen, die in ländlichen Regionen nicht nur in Japan, sondern zunehmend auch in West- und Mitteleuropa vorzufinden sind. Das von Ralph Lützeler koordinierte Projekt wird erneut interdisziplinär ausgerichtet sein und neben den sozioökonomischen Strukturen und hieraus ableitbaren endogenen Potenzialen auch das subjektive Wohlbefinden und die soziale Vulnerabilität der lokalen Bevölkerung untersuchen.

Ende August 2015 fand unter Einbindung von Studierenden eine Panelpräsentation zu unterschiedlichen Dimensionen des Projekts auf dem Japanologentag in München statt.



Publikationen & Präsentationen

2017 Manzenreiter, Wolfram and Holthus, Barbara: "Outsider/insider: being different in rural Japan", 15th International Conference of the European Association for Japanese Studies, Lisbon, September 1, 2017.
2017 Manzenreiter, Wolfram: Panel Convenor "Fractured rurality in contemporary Japan", 15th International Conference of the European Association for Japanese Studies, Lisbon, September 1, 2017.

Individual Presentations:

  • Lützeler, Ralph: "The marginalization of rural Japan between myth and reality"
  • Wilhelm, Johannes: "We just want to be, staying here … Life, social vulnerability and resilience in a depopulating hamlet"
  • Ichinose, Tomohiro: "Debate on the relocation of the residential area and the construction of a tsunami seawall in Mōne, Kesennuma City after the 2011 Tsunami Disaster"
2017Möller, Hannah: "Auf Spurensuche in Japan", uni:view vom 15.03.2017. [Link]
2016Manzenreiter, Wolfram
2016 "Das Glück auf dem Land: Wohlbefinden in Kumamoto im Stadt-Land-Vergleich", David Chiavacci und Iris Wieczorek (Hg.): Japan 2016. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. München: Iudicium, 205-306. [Link]
2016Aso: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eines Wiener Forschungsprojekts zum ländlichen Japan. Wien: Abteilung für Japanologie, Institut für Ostasienwissenschaften, Universität Wien. (= Beiträge zur Japanologie 45). [Link]
2016Lützeler, Ralph: Leitung des Panels "Rural areas in Japan - between decline and resurge", The 2nd EAJS Conference in Japan, Universität Kobe, 24.-25.09.2016.

Einzelvorträge der ProjektmitarbeiterInnen:

  • Lützeler, Ralph: "Living conditions in Japanese rural areas: Stuck in a downward spiral?"
  • Holthus, Barbara: "Parental well-being in Japan: Regional differences"
  • Manzenreiter, Wolfram: "Rural well-being in Japan: Reexamining the Aggregate Kumamoto Happiness Index"
  • Wilhelm, Johannes: "Vulnerability and resilience as seen in a post-disaster rural environment"
2015Eder, Andreas: "Kommunalpolitik im Raum Aso. Lokale Identität, politische Partizipation und lokale Demokratie", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 27.08.2015.
2015Gesswein, Katharina und Lydia Marinoff: "Selbstdarstellung des Tourismusgebietes Aso", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 27.08.2015.
2015Getreuer-Kargl, Ingrid: "Projekt Aso. Die Vision einer Forschungskontinuität", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.
2015Getreuer-Kargl, Ingrid (Panelleitung): "Aso 2.0", Panel auf dem 16. Deutschen Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.-27.08.2015. (www.japanologentag2015.japan.uni-muenchen.de/sektionen_panels/aso/index.html)
2015Holthus, Barbara: "Familien in Aso. Soziologische Ansätze", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.
2015Huber, Matthias: "Arbeitsmarkt und Arbeitszufriedenheit in Aso", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.
2015Lützeler, Ralph: "Aso heute. Ein ländlicher Raum in der Abwärtsspirale?", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.
2015Manzenreiter, Wolfram: "Aso 2.0. Überlegungen zu einem Teamprojekt", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.
2015Manzenreiter, Wolfram: "Ländliches Wohlbefinden in Japan. Skizzierung einer Langzeitstudie in Aso, SW-Japan", Wien. 16.12.2015.
2015Manzenreiter, Wolfram: "Vom Glück, in Aso zu leben – und zu forschen", Energy in Modern Japan. Past, Present, Future. VSJF Annual Conference. Leipzig. 22.11.2015.
2015Miserka, Antonia: "Rückmigration ins Aso-Gebiet", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 27.08.2015.
2015Ölschleger, Hans-Dieter: "Das Aso-Projekt aus Sicht von ethnologischen Ansätzen in der Japanforschung", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.
2015Pickl-Kolaczia, Brigitte: "Matsuri und kollektive Identität", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 27.08.2015.
2015Raab, Hannah E.: "Unterstützung der älteren und alten Bevölkerung in Aso. Der Aso-shi kōreisha ikiiki Plan", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 27.08.2015.
2015Trauner, Ya-Sin I. und Timothy Primus: "Gender - ein vernachlässigter Aspekt bei Aso 1.0? Der Rollenwandel der Frau im Ländlichen Raum Japans", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 27.08.2015.
2015Wilhelm, Johannes: "Soziale Vulnerabilität und Resilienz", 16. Deutscher Japanologentag. Ludwig-Maximilians-Universität. München. 26.08.2015.