Teno - Wir sind endlich angekommen!

22.07.2018

Tag 5 - 20.07.2018

von Julia Ramprecht

Endlich. Der Tag bricht an, an dem die Idee des Dorfes Nishi-Teno (西手野), das sich im Laufe des Semesters in erster Linie durch das Studieren alter Karten und Haushaltsregister geformt hat, endlich von der unvorstellbaren Realität abgelöst werden würde. Die Gruppe findet sich früh am Morgen zusammen, um mit den Fahrrädern zum fünf Kilometer nördlich gelegenen Dorf zu fahren, wo uns zwei Herren der sogenannten „Meisuikai“ (名水会) empfangen und mit der Gegend vertraut machen werden. In der gnadenlosen Vormittagssonne fahren wir den Prozessionsweg des sich nähernden Onda-Matsuris (御田祭) entlang, wobei wir - einer hinter dem anderen fahrend - selbst einer religiösen Prozession gleichen. Unser Ziel saß, hoch oben gelegen, zwischen japanischen Zedern (杉), Wiesen und Flüssen: der Kokuzō-Schrein (国造神社).

Zwei Senioren mit gelben Polohemden und Kopfbedeckung begrüßen uns herzlich an dem Ort, welcher als Mittelpunkt und Kultort der dort entstehenden Siedlungen dient und nach wie vor eine Art Zentrum für ganz Teno (手野) darstellt. Möchte man diesen heiligen Ort besuchen, so bemerkt man schnell, dass der Weg vom Torii (鳥居) bis zum Schrein eine gerade Linie bildet, ganz im Gegensatz zum Aso-Schrein (阿蘇神社), dessen Weg an dem Schreinkomplex vorbeiführt. Dies ist keine zufällige Konstruktion, sondern basiert auf einer imaginären Linie, welche die drei wichtigsten Schreine in Aso miteinander verbindet. Wir verbeugten uns vor dem großen Torii und betraten das Gelände – einer der Leiter machte auf für uns unsichtbare Dinge aufmerksam, wie etwa die Tatsache, dass man nicht in der Mitte des Weges gehen dürfe, denn dies sei jener der Götter. Als Mensch, der den Göttern einen Besuch abstattet, sind die linke und rechte Seite davon gedacht. Im Gegensatz zur katholischen Kirche ist das Heiligtum, also der jeweilige Gott (kami 神), für die Besucher nicht sichtbar, sondern verweilt im Inneren des Schreins. Dieses Denken führt dazu, dass am Abend vor den Matsuris, wenn der kami in den tragbaren Schrein, auch Mikoshi (神輿) genannt, übersiedelt wird, den durchführenden Personen die Augen verbunden werden, um nicht Unheil zu erfahren.

Neben dem Schrein selbst waren es vor allem aber die Jahrtausend alten Bäume, welche zur Besichtigung am Schreingelände verteilt aufgestellt worden sind. Durch das Erdbeben 2016 sind einige dieser zu Schaden gekommen. So ist etwa ein 2000 Jahre alter Baum auf das Treppengelände des Schreins gefallen. Die Treppe wurde nicht sehr stark beschädigt, und das Holz ebenso, weshalb sie dieses für 8000万 (umgerechnet knapp über eine halbe Million Euro) verkaufen und dieses Geld in die Reparatur des Schreines investieren. Die Wurzel ebenjenes Baumes wurde allerdings aufbewahrt und ist nun am Kokuzō-Schrein zu bewundern. Vor ebenjener Wurzel befindet sich ein unter Kies kaum sichtbarer Kreis. Als ich mich erkundigte, was es damit auf sich habe, wurden wir darüber aufgeklärt, dass es sich um einen Sumo-Ring handelt, welcher vor allem für Grundschulkinder gedacht ist. Dieser wird heute jedoch kaum mehr genutzt, da sich nur mehr sehr wenige Kinder in der Gemeinschaft befinden – eine Tatsache, mit der wir schon vertraut waren und dennoch durch dieses konkrete Beispiel noch einmal deutlicher vor Augen geführt wurde.

Im Anschluss an die Führung durch den Schrein wurden wir zu einem der vier in der Umgebung befinden Hügelgräber (古墳) mitten in einen Wald geführt und durften auch jeweils zu viert eintreten. Als besondere Punkte dieser Hügelgräber wurde uns von drei bisher unbeantworteten Fragen ebenjener erzählt: Woher kommen diese riesigen, schweren Steine, aus denen das Grab besteht? Warum sind alle dieser alten Gräber weltweit in einer kuppelförmigen Konstruktion erbaut worden? Weshalb konnten sich die Wurzeln der uralten Bäume nicht in diese Gräber durchdringen? Mit diesen Fragezeichen wurden wir schließlich durch das Dorf selbst geführt und durften den wohl schönsten Ausblick auf das Calderatal werfen. Während diesem Spaziergang hat nun endlich die Realität den Platz der Fantasie eingenommen - aus einer vagen Vorstellung wurde schließlich eine wunderschöne Erfahrung – wir sind endlich angekommen.

Damit war der ereignis- und lehrreiche Tag jedoch nicht zu Ende. Am Abend erwartete in der geschäftigsten Straße (Monzenmachi 門前町) ein stimmungsvoller Biergarten auf uns, in welchem die Kontaktfreudigkeit der Einheimischen endgültig das Eis gebrochen hat. Und Bier.

Die Prozession Richtung Norden, nach Teno.
Große Freue - endlich sind wir angekommen!
Durch die kompetente Führung konnten wir interessante Einblicke gewinnen.
Ein Mitglied der Meisuikai - herzlich und lehrreich!
Die Wurzel eines Jahrtausende alten Baumes.
Der Sumoring am Schreingelände.
Blick aus dem Hügelgrab.
Teno.
Der Blick von Teno auf Aso.
Ausblick in Teno.
Biergarten im Stadtzentrum.