Hinter den Kulissen des Aso-Schreins

21.07.2018

Tag 4 - 19.07.2018

von Florian Ramberger & Julia Ramprecht

Unser zweiter Tag in Aso hatte nicht vor, uns von den Temperaturen her entgegen zu kommen. Weiterhin begegnete uns brütende Hitze auch schon in der Früh. Wir hatten aber nicht vor, uns davon geschlagen zu geben. Unser erster offizieller Besuch beim Aso-Schrein (阿蘇神社) füllte den Vormittag. Nach einer kurzen Begegnung mit Miyagawa Tsuneyuki, dem Schreinpriester des Kokuzō-Schreins (国造神社) in Teno (手野), begrüßte uns auch schon freundlich Ikeura Hidetaka, Historiker und Priester am Aso-Schrein. Nach einer kurzen Weihe wurden wir an das Absperrband vorbei und in den inneren, wegen Bauarbeiten für die Öffentlichkeit nicht zugänglichen Schrein-Komplex geführt. Ikeura-san berichtete uns von verschiedenen bäuerlichen Festen, welche im Jahresbrauchtum mit den verschiedenen Saat- und Erntezyklen gefeiert wurden. Es interessieren uns im Laufe dieser Exkursion besonders zwei Feste, die denselben Namen tragen: Onda-Matsuri (御田祭). Eines wird am 26.7. am Kokuzō-Schrein im Dorf Nishiteno, das andere zwei Tage später am Aso-Schrein im eher urbanen Miyaji stattfinden. Wir werden an beiden teilnehmen und beobachten können, wie sehr sich die Praktiken und Zeremonien unterscheiden werden. Dies lässt natürlich die Spannung auf die kommende Woche noch größer werden.

Doch neben seiner Berufung als Priester ist er auch Wissenschaftler (Historiker), der durchaus auch Kritik ausübt – so erklärte er uns auch, dass die Medien die Schäden am Schrein so sehr in den Vordergrund gerückt haben, so dass der Aso-Schrein neben dem Kumamoto-Schloss (熊本城) als Symbol für die Katastrophe (Erdbeben vom 14. und 16. April 2016) erhoben wurde – durch diese mediale Aufmerksamkeit, die generiert wurde, wurden andere heilige Stätten in den Schatten gedrängt, weshalb ein Ungleichgewicht entstanden ist. Ikeura Hidetaka betonte seine Dankbarkeit darüber, dass durch die Aufmerksamkeit und die damit zusammenhängenden Spenden der Schrein wieder aufgebaut werden kann, allerdings seien diese inzwischen mehr Last als Hilfe, denn zu jeder Spende muss ein Dankesbrief verfasst werden, welcher bei so unzähligen Hilfestellungen äußerst einnehmend ist – weiters würde er es inzwischen ablehnen, sich öffentlich bei Aufbauarbeiten im Namen des Schreins zu beteiligen, da dies den Schrein noch mehr in die Öffentlichkeit und Medien rücken würde, was ohnehin schon im großen Ausmaß der Fall ist. Der Blick auf Katastrophen und die darauffolgenden Handlungen muss stets kritisch betrachtet werden – einerseits ist eine verfügbare Hilfestellung mit großer Dankbarkeit verbunden, andererseits kann es auch, vor allem bei ungefragter Hilfe, ein Akt der Gewalt sein, nämlich ein Eindringen in das Leben der Menschen und deren Umgebung – man kann in diesem Zusammenhang auch an die Dreifachkatastrophe in Tōhoku denken. Ikeura Hidetaka ist also nicht nur ein Schreinpriester, sondern auch ein kritischer Historiker, der auch gegenüber den Beamten seine Meinung deutlich äußert und verteidigt – etwas, das besonders in diesem Beruf nicht selbstverständlich ist.

Es blieb aber nicht nur bei einer Lehrstunde in Theorie und Vergangenheit. Der Wiederaufbau war in vollem Gange. Dankenswerterweise, fanden drei Herren der amtlichen Gesellschaft für den Erhalt von Baudenkmälern (文化財兼即物保存技術会) Zeit für uns. Sie zeigten uns ihre Vorstellung, wie die Schreingebäude, die nach dem Erdbeben 2016 stark in Mitleidenschaft gezogen wurden, wie ein Phoenix aus der Asche wiederauferstehen sollten. Und zwar mit so vielen Originalbauteilen wie möglich, was natürlich ein enormes technisches und historisches Know-How abverlangt. Wir wurden auf feinste Details in Balkenverzierungen hingewiesen. Aus Bildern wurden reale Holzschnitte, als wir aus dem Schatten der Schreingebäude traten und die Arbeitshallen besichtigen durften, in denen verschiedenste Bauteile in unterschiedlichen Fertigungsschritten gelagert waren. Das Besondere an dieser Situation ist, dass sich nicht nur die technische Seite mit dem Wiederaufbau befasst, sondern ein reger Austausch zwischen dem historisch versierten Schreinpriester und den technischen Experten statt – ein schönes Beispiel für eine interdisziplinäre Zusammenarbeit.

Gleich im Anschluss wurden wir in den Nachmittag entlassen. Nicht allerdings, ohne dass uns eine Aufgabe gestellt wurde. In kleinen Gruppen sollten wir die Raumaufteilung jeweils einer Straße in Miyaji unter die Lupe nehmen. Sollte uns etwas Kurioses auffallen, so waren wir angehalten, die Anwohner doch um Hilfe und eine Erklärung zu bitten, also ins Gespräch zu kommen. Da die Uhr zu dieser Zeit 12:00 und unser Magen Alarm schlug, entschieden sich einige Teams für eine kurze Mittagspause. Frisch gestärkt brachen dann die Teams zu den ihnen zugewiesenen Orten auf. Mein Team sollte sich der Bundesstraße annehmen, in dem Bereich in der Nähe des Miyaji-Bahnhofs. Wir begannen mit der östlichen Seite der Bundesstraße 57, bei modernen Raststätten mit großen Parkplätzen. Alle sahen so aus, als hätte man sie gestern erst hierhin gepflanzt. Sie dominierten das Landschaftsbild aber nicht für lange. Es waren auch nicht viele, bald wichen sie Gebäuden, die schon mehrere Dekaden hier verweilten. Einer Bundesstraße entsprechend waren viele Geschäfte oder Restaurants dabei, über deren aktuellen Wirtschaftsstatus wir aber nicht viel zu sagen vermochten. Privathäuser waren ebenfalls in bemerkbarer Zahl vorhanden, doch auch hier konnten wir nicht sagen, wie viele Menschen hier ein und aus gingen.

Das Ansprechen der Anrainer fiel uns leider nicht allzu leicht. Hauptsächlich, da die meisten, die wir antrafen, mit circa 50km/h an uns vorbeifuhren. Wir können es ihnen auch schwer übelnehmen. Bei diesen Temperaturen (über 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit) lockt ein klimatisiertes Auto auch mehr als ein Spaziergang in der wohlbekannten Heimat. Jedoch trafen wir auf einen höchst sympathischen Senior aus Kitakyūshū, der gerade durch Kyūshū reiste und sich ebenfalls über das Geschlossen-Sein eines Restaurants wunderte. Nach einem regen Gespräch über seine Reise- und unsere Forschungsziele brach er in die Heimat auf und wir zur Westseite unseres Gebietes. Hier bemerkten wir mehrere Werkstätten und Autohändler, sowie mehrere Gebäude des öffentlichen Dienstes. Kurios fiel uns ein leerstehendes Gebäude auf, das sich sowohl als „Kyūshū Stromgesellschaft“, sowie als Seniorenberatungszentrum auswies. Mangels Spaziergänger mussten wir dieses Mysterium leider in unsere abendliche Besprechung mitnehmen.

In dieser sollte sich zeigen, dass heute wohl zumindest in unserem Bereich nicht viele Fußgänger unterwegs waren. Wir besprachen unsere Ergebnisse und bemerkten, dass uns allen auch viele "Aushilfe gesucht" (募集)-Schilder auffielen, sei dies im Aushang der entsprechenden Geschäfte oder auf unsere Rechnungen gedruckt. Also, falls jemand noch eine Arbeit sucht, eine gewisse Nachfrage scheint hier in Aso durchaus vorhanden zu sein. Wir planten den morgigen Tag, genossen langsam abkühlende Temperaturen. Als die Zikaden drohten, unser Gespräch für sich zu beanspruchen, ließen wir den Abend Abend sein und zogen uns in unsere Unterkünfte zurück... oder ins Sentō....oder ins Izakaya.

Eine Führung hinter die Kulissen des Aso-Schreins.
Nahaufnahme eines in der Reparatur befindlichen Ornament.
Hier wird gezeigt, wie die alten Holzteile mit neuen Holzstücken repariert und ergänzt werden.
Ein Teilbereich des Aso-Schreins.
Beim Auskundschaften der verschiedenen Stadtteile sind es vor allem auch die unzähligen Wasserquellen, die sich in Verzweigungen in der Stadt präsentieren.
Eine erfrischende Wasserquelle beim Yui (結).
Eine weitere der zahlreichen Wasserquellen.