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Ausrichtung der Wiener Japanologie

Die Wiener Schule der Japanforschung ist weit über den deutschen Sprachraum hinaus bekannt für einen Forschungsansatz, in dem sich die philologischen Wurzeln der Japanologie mit der anthropologischen/ethnografischen Tradition und sozialwissenschaftlicher Reflexivität vereinigen. Die Forschungsarbeiten zeugen wie das Angebot in der Lehre von einem Fachverständnis, das Japanologie als interdisziplinäre Regionalwissenschaft umreißt. Die dafür benötigte methodisch-theoretische Vielfalt gewährleisten die Professuren für kultur- und sozialwissenschaftliche Japanforschung und deren MitarbeiterInnen.

Grundlage des japanologischen Arbeitens ist die Kompetenz im Umgang mit der Sprache Japans in Wort und Schrift. Die wissenschaftliche Ausbildung zielt auf die Kenntnis japanologischer Hilfsmittel, sozial- und kulturwissenschaftlicher Theorien und Methoden sowie den Erwerb interkultureller Kompetenz im Umgang mit Japan ab. Der Vermittlung dieser Fähigkeiten räumt das Lehrangebot entsprechend Gewicht ein.

Forschungsschwerpunkte der Wiener Japanologie

Diaspora und Transnationalismus

Ein aktueller Schwerpunkt der 2010er Jahre knüpft an rezente Entwicklungen in der internationalen Debatte an und betreibt japanologische Forschung aus randständigen Perspektiven. Ina Hein untersucht als Kulturwissenschaftlerin Repräsentationen von Menschen mit Migrationshintergrund im gegenwärtigen Japan. Wolfram Manzenreiter beschäftigt sich mit Fragen der internationalen Migration, der Lage der Auswanderergemeinschaften in Südamerika und anderen Zielgebieten der Emigration, der Kontinuität von nationalen und ethnischen Identitäten sowie der Identitätspolitik in transnationalen Räumen.

Visual Culture

Der Visual Turn in den Kulturwissenschaften hat in den 2000er Jahren auch die Wiener Japanforschung erfasst. Roland Domenig hat Pionierarbeit geleistet mit der Erforschung des Films in Japan und vor allem der frühen Phase der Filmgeschichte. Sepp Linhart erstellte mit Unterstützung des FWFs eine dreisprachige ukiyo-e Datenbank, in der etwa 1.500 Karikaturen und Scherzbilder erläutert werden. Seine Projektteam untersucht die im 19. Jahrhundert weit verbreiteten Holzdrucke auf ihre Funktion als Massenmedium hin, mit dem die Leserschaft auf amüsante Art über das aktuelle Geschehen informiert und subtile Kritik an den politischen Verhältnissen und ihren sozialen Folgen ausgeübt wurde. Ergebnisse dieser Forschung sind auf einer internationalen Tagung diskutiert und mit weiteren Beiträgen zusammen in der Schriftenreihe Beiträge zur Japanologie herausgegeben worden. Schließlich erfolgte die Besetzung der Professur für kulturwissenschaftliche Japanforschung gerade hinsichtlich der seit den 1990er Jahren exponentiell zugenommenen Bedeutung der visuellen Medien Japans für die Ästhetik einer globalisierten Populärkultur. Studierende im Masterprogramm haben sich zunehmend in ihren japanologischen Abschlussarbeiten spezifischen Aspekten in Manga, Anime, Fernsehproduktionen und Film angenommen.

Frauen in Japan

Die wissenschaftliche Beschäftigung mit frauenspezifischen Fragen hat in der Wiener Japanologie eine weit zurückreichende Tradition, die in den späten siebziger Jahren ihren Anfang mit der Gründung eines Arbeitskreises unter der Leitung von Elfriede Kurz genommen hat. Im Rahmen des Forschungsschwerpunkts wurde 1980 ein Symposium zu Frauen in Japan in Vergangenheit und Gegenwart unter der Leitung von Sepp Linhart und seinen MitarbeiterInnen organisiert. Die Tagungsbeiträge liegen ebenso wie die Ergebnisse der zweiten Veranstaltung, die 1987 im Rahmen des 8. Japan-Seminars (Japans Frauen heute) der Wiener Volkshochschule Brigittenau und des Instituts für Japanologie von Ruth Linhart und Fleur Wöss geleitet wurde, in gedruckter Form vor. In den achtziger Jahren hat sich vor allem Ruth Linhart in der Frauenforschung betätigt und in einer Reihe von Publikationen wesentlich zu der Korrektur stereotypischer Vorstellungen zum japanischen Frauenbild beigetragen. Die Projektergebnisse liegen in einer Reihe von in Sammelwerken und Fachzeitschriften publizierten Artikeln der Institutsmitglieder vor. Bedeutende Beiträge sind auch in diesem Projekt auf die Arbeitsleistungen der Studierenden zurückzuführen: Als Magisterarbeiten liegen zu dem Themenschwerpunkt Arbeiten vor, die japanische Frauenvereine, das Frauenbild in japanischen Comics, Frauen als Gründerpersönlichkeiten in den Neuen Religionen, geschlechtsspezifische Sprachverwendung, Geburtshelferinnen, ledige Mütter, Ehevermittlung und den Oshin-Boom untersucht haben.

Die Weiterführung der Japan-Forschung aus der Perspektive von Feminismus und Genderforschung wird von Ingrid Getreuer-Kargl und Ina Hein betrieben. Ingrid Getreuer-Kargl hat sich über die geschlechterspezifische Nutzung und Interpretation von Raum und Räumlichkeit in Japan habilitiert. Ina Hein beschäftigt sich aus literatur- und medienwissenschaftlicher Perspektive mit Konstruktionen von Männlichkeiten, Weiblichkeiten und Geschlechterbeziehungen in der Gegenwartsliteratur bzw. in Fernsehserien und anderen Medienprodukten.

Alter in Japan

Der erste große Forschungsschwerpunkt nach der Neuorientierung der Japan-Forschung in Wien von der ländlichen Kultur auf die urbanisierte und industrialisierte japanische Gesellschaft widmete sich dem Thema des Alters und Alterns im gegenwärtigen Japan. Die Früchte des Forschungsschwerpunkts zeigen sich in zahlreichen Publikationen von InstitutsmitarbeiterInnen, Abschlussarbeiten sowie in der im europäischen Raum einzigartigen Sammlung von Literatur zum Thema. Hervorzuheben sind die in der Wiener Schriftenreihe Beiträge zur Japanologie publizierten Bibliografien zum westlichen und zum japanischen Schrifttum sowie eine Datenkompilation relevanter Statistiken. Sepp Linhart hat sich mit dem institutionalisierten Angebot für alte Menschen in Japan, dem Pensionssystem, der sozialen Bewertung von Alter und dem sozialen Umgang in Japan mit den spezifischen Problemen der alternden bzw. gealterten Gesellschaft auseinandergesetzt. Ingrid Getreuer-Kargl hat empirisch die Sozialpolitik für ältere Menschen untersucht und sich in weiteren Arbeiten vor allem den spezifischen Problemen älterer Frauen gewidmet. Fleur Wöss hat die Thematik der alten Menschen, des Alters und des Sterbens innerhalb ihrer religionssoziologischen Forschung zur sozialen Funktion des Ahnenkults und Einstellungen zum Tod aufgegriffen. In Diplomarbeiten wurden Wohnformen von Dreigenerationenhaushalten, das Altersgrenzensystem, die Institutionalisierung der Altenpflege und die Ikonografie des alten Menschen in japanischen Märchen und in der setsuwa-Literatur der Kamakura-Zeit untersucht.Die einzigen japanologischen Wissenschaftlerstellen in Österreich außerhalb der Universität Wien entstanden am Institut für Kultur- und Geistesgeschichte Asiens an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften im Zusammenhang mit dem Projekt „Alter und Altern in Japan“. Monografien der MitarbeiterInnen Susanne Formanek und Bernhard Scheid dokumentieren die Stellung der alten Menschen und die Einstellung zum höheren Lebensalter in Japan von der Nara-Zeit bis zur Edo-Zeit. In der Schriftenreihe des Instituts erschienen die unter internationaler Beteiligung entstandenen Konferenzbände Japanese biographies: life histories, life cycles, life stages (1990) sowie Aging. Asian concepts and experiences past and present (1997). Japanbezogenene gerontologische Forschung wurde bis ins 21. Jahrhundert in Wien weitergeführt. Ein bereits in den 1980er Jahren initiiertes Projekt wertet Meinungsumfragen seit 1960 hinsichtlich relevanter Aussagen zu Fragen des Alters und der Situation alter Menschen in Japan aus.

Spiel und Unterhaltung in Japan

Der Forschungsschwerpunkt der 1990er-Jahre „Spiel und Unterhaltung in Japan“ beschäftigte sich mit einem Thema, das international bis dahin kaum Beachtung gefunden hatte. An der Wiener Japanologie hingegen untersuchte Sepp Linhart  bereits seit den 1970er Jahren empirisch das Freizeitverhalten japanischer Arbeiter und Angestellter. Außer ihm forschte und publizierte zum Schwerpunktthema vor allem Wolfram Manzenreiter mit seiner kommentierten Bibliografie zur Freizeit in Japan sowie Studien zum Glücksspiel und zur Sozialgeschichte des Bergsteigens in Japan. Im Zeitrahmen des Forschungsschwerpunkts verfasste Magisterarbeiten und Dissertationen widmeten sich Automatenglücksspiel und Pferderennen, In- und Auslandstourismus, Baseball, Golf und Kampfsport oder traditionellen Spielen wie sugoroku und kōdō. Wie auch Linharts Kulturgeschichte des Ken-Spiels sowie interdisziplinäre Gemeinschaftsstudien, die unter Beteiligung international führender FachvertreterInnen entstanden, belegen diese Einzelstudien und Nachwuchsarbeiten die Vielfalt der japanischen Unterhaltungsangebote, die Kreativität des Spielerischen, sein subversives Potenzial und seine eigene Ästhetik. Sie weisen aber auch auf die sozioökonomische Dimension des Privaten und die kulturelle Einbettung des Spiels hin. Die Auseinandersetzung mit Spiel, Sport und Freizeit hat bis in die 2010er Jahre hinein ihre Spuren hinterlassen. Wolfram Manzenreiter entwickelte die Freizeitforschung weiter mit einer forcierten Integration japanologischer Forschung in sozialwissenschaftliche Disziplinen. Schwerpunkte lagen auf der Erforschung des Fußballs als kulturelles Phänomen in Japan sowie Ostasien, der Soziologie von Sportgroßveranstaltungen und der Rolle Japans in Prozessen und Strukturen der Globalisierung. Seine Habilitation zu Sport and Body Politics in Japan dokumentiert die Bandbreite der Ansätze und Aspekte, in denen die Auseinandersetzung mit Sport zu fruchtbaren Resultaten für die sozialwissenschaftliche Forschung zu Japan und Gesellschaft im Allgemeinen führen kann.

Von 2001 bis 2009 fanden in Gemeinschaftsarbeit mit der Meiji-Universität alternierend in Tokyo und Wien acht Symposien zum Thema „Alltag und Freizeit in Wien und Tokyo“ statt. Die Ergebnisse der einzelnen Veranstaltungen, die jeweils Facetten des Themas vergleichend und im Kontext einer Epoche der Moderne behandelten, sind zur Hälfte auf Deutsch, zur Hälfte auf Japanisch publiziert worden.

Geschichte der Japanforschung in Wien

Die ersten Zeugnisse der wissenschaftlichen Auseinandersetzung von Österreichern mit Japan stammen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Eine Schenkung japanischer Bücher von Philipp Franz von Siebold an die Kaiserliche Hofbibliothek legte 1837den Grundstock für August Pfizmaiers (1808-1887) japanspezifisches Schaffen. Mit Sechs Wandschirme in Gestalten der vergänglichen Welt, der ersten Übersetzung japanischer Belletristik in einer europäischen Sprache (Ukiyogata rokumai byōbu von Ryūtei Tanehiko), legte Pfizmaier 1847 den Grundstein der österreichischen Japan-Forschung und gleichzeitig sein immenses Lebenswerk an Übersetzungen aus und philologischen Studien zu den Sprachen des Fernen Ostens. Ein weiterer Pionier ist der Wiener Linguist Anton Boller (1811-1869), dessen „Nachweis, dass das Japanische zum ural-althaischen Stamme gehört“ (1857) auch heute noch in den vergleichenden Sprachwissenschaften als eindrucksvolles Zeugnis des Schaffensdrangs der europäischen Orientalisten des 19. Jahrhunderts geschätzt wird.

Mit dem Expeditionsbericht zur k.u.k.-Ostasien-Expedition hat deren wissenschaftlicher Leiter, Karl Ritter von Scherzer (1821-1903), 1872 ein erstes landeskundliches Kompendium mit praktischen Details aus Landwirtschaft, Transport, Verkehr, Finanzwesen etc. vorgelegt. Eine ähnlich breit angelegte Anthologie publizierte der Mediziner Albert Junker von Langegg nach seinen Jahren als Chirurg und Professor an der späteren Medizinischen Hochschule Kyōto für ein breites Publikum. Heinrich Freiherr von Siebold (1852-1908), jüngerer Sohn des großen Philipp Franz von Siebold, war ein Vierteljahrhundert lang als Übersetzer an der österreichischen Gesandtschaft in Tōkyō tätig. Seine Beiträge zur japanischen Archäologie und Ethnographie der Ainu verdienen es, trotz ihrer Mängel und heute offensichtlichen Irrtümer, als Pionierwerke bezeichnet zu werden. 

Der erste Anlauf zur institutionellen Verankerung der Japan-Forschung in Österreich erfolgte durch den Kulturanthropologen Oka Masao, der im Wien der Zwischenkriegszeit Völkerkunde studiert hatte. Er vermittelte erfolgreich bei der Errichtung eines japanologischen Lehrstuhls, der mit ideeller Förderung der Wiener Völkerkunde und finanzieller Unterstützung durch Baron Mitsui Takaharu 1938 ermöglicht wurde. Als Gastprofessor übernahm Oka die Leitung des Instituts für Japankunde, das offiziell am 1. April 1939 seinen Betrieb aufnahm; erster Assistent wurde Alexander Slawik. Der Krieg erschwerte Oka wie auch seinem Nachfolger Murata Toyofumi einen geregelten Lehrbetrieb, da bis 1944 das Institut geschlossen werden musste. Nelly Naumann, später Professorin für Japanologie an der Universität Freiburg, gehörte zu den Studierenden dieser ersten Phase der institutionalisierten Japanforschung. Nach Kriegsende nahm sich das Institut für Völkerkunde der Japan-Forschung an, die ab 1949 unter Alexander Slawik fortgesetzt wurde. 

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